Aktuelles, Experten, Gastbeiträge - geschrieben von ks am Mittwoch, Juni 30, 2010 9:42 - noch keine Kommentare
Er verhalf der Kryptologie zum Durchbruch: Kryptologen feierten 80. Geburtstag von David Kahn
Kahns Buch „The Codebreakers“ gilt als Mutter aller Kryptologiebücher
Von unserem Gastautor Klaus Schmeh
[datensicherheit.de, 29.06.2010] David Kahns Buch „The Codebreakers“ (1967 erstmals erschienen) gilt als Mutter aller Kryptologiebücher. Erstmals erfuhr eine breite Öffentlichkeit darin, mit welchen Methoden die Verschlüsselungsexperten im Militär- und Geheimdienstwesen im Laufe der Jahrhunderte gearbeitet hatten.
Neben Laien lasen auch viele (angehende) Wissenschaftler „The Codebreakers“, was dazu beitrug, dass die Kryptologie im Laufe der 1970er-Jahre von einer Geheimwissenschaft zu einer akademischen Disziplin wurde. Bis heute gilt David Kahn als weltweit bedeutendster Experte für die Geschichte der Kryptologie.
Am 7. Februar 2010 feierte David Kahn seinen 80. Geburtstag. Dies war der Fachzeitschrift Cryptologia einen elfseitigen Artikel wert. Der (aus Großbritannien stammende) Luxemburger Professor Peter Ryan wollte dem nicht nachstehen und lud zu einer zweitägigen Konferenz zum Thema Kryptologie-Geschichte. „Mein Vater hat mir ein Exemplar von ‚The Codebreakers‘ geschenkt, als ich 13 Jahre alt war, und ich war sofort davon gefangen“, erklärte Ryan gegenüber datensicherheit.de. „Als mir klar wurde, dass David Kahn dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, hatte ich spontan die Idee, dies mit einer Veranstaltung zu würdigen.“ Diese Veranstaltung ging unter dem Namen „The New Codebreakers – A celebration of the 80th birthday of David Kahn“ am 28. und 29. Juni 2010 an der Universität Luxemburg über die Bühne. Neben Kahn selbst, der eigens aus seiner Heimat USA angereist war, nahmen über 80 weitere Besucher an der Konferenz teil. Darunter fanden sich zahlreiche namhafte Kryptologen, von denen die älteren einhellig berichteten, „The Codebreakers“ sei ihre erste Lektüre zum Thema Kryptologie gewesen.
Gleich der erste Vortrag zählte zu den Höhepunkten. Der belgische Kryptologe Bart Preneel berichtete, wie er im Auftrag eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses verschlüsselte Nachrichten aus den Jahren 1960 und 1961 geknackt hatte. Die Klartexte, die dabei zum Vorschein kamen, lieferten wichtige Details zur Ermordung des damaligen kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba. Gerade einmal 2.500 Euro erhielt Preneel für diese kryptologische Meisterleistung. Zu den Schwierigkeiten gehörte, dass die Verschlüssler für ihre Arbeit vierstellige Zahlenkombinationen verwendet hatten, die zu keiner der damals üblichen Verschlüsselungsmaschinen passen wollten. Irgendwann bemerkte Preneel jedoch, dass er es eigentlich mit fünfstelligen Kombinationen zu tun hatte. Die Verschlüssler hatten – entgegen aller kryptologischen Vernunft – jeweils eine Ziffer doppelt verwendet. Preneels Kommentar: „Man sollte die Dummheit seines Gegners nicht unterschätzen.“
Ein weiterer Beitrag kam von dem britischen Mathematiker Clifford Cocks. Dieser erfand Anfang der 1970er-Jahre zusammen mit einigen Kollegen die asymmetrische Kryptografie. Dies geschah im Dienst der britischen Kryptologie-Behörde und stand unter strengster Geheimhaltung. So erfuhr die Öffentlichkeit nichts über die aus heutiger Sicht revolutionäre Erfindung.
Whitfield Diffie (rechts) zählt zu den bedeutendsten Kryptologen. In Luxemburg gratulierte er dem Mann zum 80. Geburtstag, der ihn mit seinem Buch „The Codebreakers“ überhaupt erst zur Kryptologie gebracht hatte: David Kahn (links).
Nach Clifford Cocks kam der US-Kryptologe als Referent an der Reihe. Diffie erfand – wiederum mit einigen Kollegen zusammen – die asymmetrische Kryptografie einige Jahre nach Cocks ein zweites Mal. Von den geheimen Arbeiten seines britischen Kollegen konnte er nichts wissen. Für viele Konferenzbesucher war es faszinierend, diese beiden genialen Wissenschaftler, die unabhängig voneinander die gleichen revolutionären Ideen entwickelt hatten, gemeinsam zu erleben. Übrigens hatten Cocks und Diffie als Einstieg in die Kryptologie dasselbe Buch gelesen: „The Codebreakers“ von David Kahn.
Am Ende der Konferenz griff schließlich David Kahn selbst zum Mikrofon. Er erzählte, wie er bereits als Elfjähriger seine Begeisterung für Verschlüsselungsfragen entdeckt hatte. Mit Hilfe der damals noch sehr spärlichen Literatur eignete er sich ein paar Grundkenntnisse an, die später immerhin für einen Artikel in der New York reichten. Anschließend zeigten mehrere Verlage Interesse an einem Buch zum Thema – die Idee zu „The Codebreakers“ war geboren. Der US-Geheimdienst NSA versuchte anschließend vergeblich, das Erscheinen des Buchs zu verhindern.
Kahns Lebenserinnerungen waren zweifellos ein würdiger Abschluss für eine bemerkenswerte Veranstaltung. Für den Höhepunkt der Konferenz hatte allerdings bereits am Vorabend Whitfield Diffie gesorgt – er sang David Kahn ein Geburtstagsständchen.
Klaus Schmeh ist Autor des Buchs „Codeknacker gegen Codemacher“, in dem es um die Geschichte der Verschlüsselung geht.
Weitere Informationen zum Thema:
David Kahn
Official Website
Université du Luxembourg
The New Codebreakers – A celebration of the 80th birthday of David Kahn
Klaus Schmeh
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